Kapitel 2 – Glauben Sie wirklich?

„Hier ist Ihre Überweisung, Sie scheiß Dilletant.“ Herman war sich nicht sicher, ob er es sagen sollte, oder ob es überhaupt angebracht gewesen wäre, aber er sagte es trotzdem: „Danke.“
„Und jetzt?“
Der Rezeptionist sank in ein, an tiefste Verzweiflung grenzendes Seufzen und Kopfschütteln.
Er deutete auf die einzige Tür im Raum: Die, durch die Herman gekommen war. Oder auch nicht…
Herman trat hinaus in den Sonnenschein. Um ihn herum war alles dunkel. Er konnte in unabschätzbarer Ferne ein grünes Licht flackern sehen. Der Raum um ihn herum schien zu krächzen. Das Geräusch kam ihm bekannt vor.
Vor Seinen Augen baute sich eine Struktur aus Licht auf. Zuerst erschien ein kreuz, das gleich darauf von einem Quadrat ummantelt wurde, so dass eine Art Fenster entstand. Im linken oberen Eck rot, rechts davon grün, unten blau und gelb. Auf der rechten Seite der seltsamen Lichterscheinung schien es dann, als würden kleine Fetzen des Gebildes in einem nicht vorhandenen Wind verweht werden. Nun war klar wieso Herman das krächzende Geräusch kannte. Es war das Geräusch eines arbeitenden Computers. Und wenn er das nicht bemerkt hätte, wäre dennoch klar gewesen, ja hätte sich die Erkenntnis, dass es sich bei dem dunklen Raum in dem er sich befand um eine Art Computerprogramm handelte, geradezu aufgedrängt in Anbetracht des großen Windows Symbols, das sich da aus Licht gebildet hatte und nun völlig elanlos vor ihm im Raum wehte. Genau wie der Bildschirmschoner auf seinem Rechner Zuhause. Zuhause! Wie sehr sich Herman danach sehnte und nach der zärtlichen Berührung seiner geliebten Caren. Für sie wäre er bereit gewesen alles zu tun. Er hätte seinen gesamten Lebensstil für sie über den Haufen geworfen. Derartige Gefühle hatte er noch nie zuvor für einen Menschen gehegt. Doch nun…
Nun war er offenbar in einem Computer. Er verstand nicht. Und wie man das so macht, wenn man etwas nicht versteht, kratzte sich Herman am Kopf. Das heißt er hätte sich am Kopf gekratzt, hätte sich nicht in eben dem Moment, da er seinen Arm hob, das Windows Symbol aufgelöst und Platz für einen großen würdevollen Mund gemacht: ich würde sagen etwa 7°.
Da Herman langsam zu verstehen begann, wie all das funktionierte, bewegte er seine Hand in Richtung würdevoller Mund und, wie er in etwa erwartet hatte, folgte seiner Hand ein kleiner, weißer Pfeil, etwa 40cm vor ihm im Raum. Er fächelte lässig mit der Hand, was den selben Effekt wie ein Doppelklick am heimischen Rechner hatte. Nun muss ich noch kurz darauf eingehen warum Herman keinen totalen Nervenzusammenbruch erlitt, in Anbetracht der Erkenntnis scheinbar in einem Computerprogramm zu stecken, was doch ziemlich seltsam ist. Naja, ich muss wirklich nur sehr kurz darauf eingehen: Er war halt spontan! Und zudem war er selber seltsam. Sicher mag es Leute geben, sie so derartige Situationen nicht so einfach wegstecken würden, aber Herman war keiner dieser Leute. Das ist genau das Gleiche, wie die Tatsache, dass es zwar unzählige Leute gibt, die sagen würden, es gehöre sich nicht mit vollem Mund zu sprechen, das Computerprogramm es aber trotzdem tat:
„Herzlich willkommen im Datenhub des Informationsnetzwerks der zentrale für Naturgesetze, sie kleiner Glückspilz! Was ist ihr Begehr?“
Als wäre sie das einzige das je existiert hat, schwirrte die Frage in Hermans Kopf herum.
HERZLICH WILLKOMMEN IM WAS!?! Mittels komplizierter Strukturen in Hermans Gehirn und Rückenmark, wurde die Frage über zahllose, sowohl konvergent als auch divergent verschaltete Neurone mit heftigem Dekrement an seinen Mund geleitet, so dass am Ende gerade noch genug Information dort ankam, um den wesentlichen Kern der ursprünglichen Frage zum Ausdruck zu bringen: „Hä?“
„Ah eine sehr gute Frage!“, lobte der Mund. „Tatsächlich auch die häufigst gestellte Frage überhaupt, gefolgt von , und “ „Ähm…“, begann Herman, bevor er unterbrochen wurde.
„Und die Frage ist deshalb so gut,“, führte der Mund fort, „weil der Kern dieser Frage und des gesamten Gedankenganges, der ihr voran gegangen ist, für mich sehr leicht zu erfassen ist: Sie raffen gar nichts! Daher sehe ich mich gezwungen Ihnen erstmal alles schonend beizubringen. Ich möchte zu diesem Zwecke nochmals ihre vortrefflich gewählte Frage bemühen. Denn zufällig gibt es da ein recht schonendes Beispiel.
Es gibt ein unübertretbares Gesetz, das besagt, dass ein Schüler, wann immer er eine Äußerung eines Lehrers, sei es akustisch, oder im logischen Zusammenhang, nicht versteht, den Laut von sich geben wird und dass eben dieser Lehrer daraufhin unausweichlich antworten wird und der einzige Grund dafür ist, dass sich irgend ein Witzbold aus der Abteilung für Sozialverhalten, gedacht hat, man könne ja mal einen Running-Gag in die Realität einbauen, falls es so etwas wie ‚Realität‘ überhaupt gibt, worüber Experten sich noch streiten. Was Sie mit diesem Begriff anfangen ist ihre Sache.“
„Ich verstehe nicht“, musste Herman zugeben, was absolut der Wahrheit entsprach.
„Auch eine gute Aussage! Sie sind ja richtig auf Zack junger Mann!“, bemerkte der Mund scheinbar hocherfreut. „Aber diesmal schlicht und ergreifend, weil es der Wahrheit entspricht und glauben sie mir: Wahrheit ist kostbar und man trifft sie nur selten an. Auch die Schuld der Abteilung für Sozialverhalten. Aber am besten erkläre ich es Ihnen jetzt genau, wir wollen doch die Kostbare Wahrheit nicht zu lange in Anspruch nehmen und sollten daher schnell dafür sorgen, dass sie nicht länger für Ihre Aussage bürgen muss.
Nun denn. Das ist jetzt wie Pflasterabreißen: Hier werden die Naturgesetze festgelegt.“
Herman stand erwartungsvoll da, dachte es käme noch etwas. Als er merkte, dass dies nicht der Fall war musste er unweigerlich anfangen zu lachen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst!? Das ist das lächerlichste, was ich je gehört hab!“, stellte Herman fest.
„Wieso? Wer soll sie denn sonst festlegen?“
„Na… niemand! Die Naturgesetze werden nicht festgelegt. Die gelten einfach.“
„Ach!“, gab der Mund von sich „Und woher kommen sie?“
„Nirgendwoher! Die sind… gottgegeben!“
„GOTT!“, keifte der Mund, das senkte seinen Würdegrad um etwa 2°, „Ich kann Ihnen sagen was wir über Gott wissen! Wollen sie es hören?“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, gab Herman zurück.
„Ach ja! Die Menschen und ihre Unsicherheit. Auch wieder die Schuld der Abteilung für Sozialverhalten. Ich frage mich schon lange, ich frage mich schon lange ob die überhaupt je was richtig gemacht haben…“
Hätte es ein passendes Paar Augen zu dem Mund gegeben, wäre deren Blick jetzt gedankenversunken ins Nichts abgedriftet. Wobei „nichts“ alles ist. Alles besteht zum größten Teil aus „nichts“ und der winzige Teil der tatsächlich existiert, stammt aus einem Baukasten, der „nichts“ als Gerüst verwendet. Aber hören sie einfach selbst.
„Wo… war ich stehen geblieben?“, erkundigte sich der Mund, der durch die theatralische Pause seine 7°Würde wiedererlangt hatte.
„Bei Gott“, half ihm Herman nach.
„Ah ha, richtig. Bei Gott.“ Der Mund setzte merklich für eine lange Erklärung an:
„Gott existiert. Soviel ist sicher, er selbst hat uns folgende Informationen hinterlassen.
Gott ist ein Wesen, das einen ungeheuren Gram gegen den Schöpfer hegt. In Gottes Augen ist der Schöpfer ein Stümper, da er nichts hervorgebracht hat, als Gott und ein kleines, quadratisches Zimmer in dem dieser lebt. Und einen grausamen Humor scheint der Schöpfer obendrein zu haben, denn er quält Gott regelrecht durch die Tatsache, dass das Zimmer in dem dieser lebt eine Tür besitzt. Eine Tür die nicht nach draußen führt. Weil es einfach kein Draußen gibt. Es gibt nichts als diese verdammte Schneekugel in der Gott sein tristes, einsames Dasein voller Gram und Langeweile fristet. Er kann sich ja nicht mal einen guten Film ansehen, weil es schlicht und einfach niemanden gibt, der einen Film hätte drehen können. Ja Gott ist das bedauernswerteste Wesen von dem man je gehört hat.
Doch irgendwann ist Gott auf die Idee gekommen es dem Schöpfer zu zeigen. Der Schöpfer hält ihn also in dieser lächerlichen Schneekugel gefangen? Gott würde ihm zeigen was eine Schneekugel ist!
So baute er eine unglaublich komplexe Schneekugel, die kein so lächerliches Zimmer, sondern einen unendlichen Raum beinhaltet, in dem riesige Nebel einander umkreisen, in denen sich Galaxien umkreisen, in denen sich Sonnensysteme um den Mittelpunkt drehten, in denen sich Planeten, so klein, dass sie mit bloßen Auge in der Schneekugel nicht mehr auszumachen waren, um winzige Sonnen drehten. Und auf mindestens einem dieser Planeten wollte Gott eine Zivilisation aus Millionen und Milliarden Individuen schaffen, die sich allesamt genauso einsam fühlten wie wie er. Die Geburtsstunde des Universums.“, schloss der Mund auf pompöse Weise, was seine Würde sogar auf ganze 8° hob. „Zudem hat Gott aufgrund einer Abneigung gegen alles quadratische einen Fable für Kreise – wie man merkt.“, fügte er hinzu und sank wieder auf 7°.
Herman wartete kurz, ob es noch weitergine, doch als er merkte, dass dies nicht der Fall war, fragte er wie es denn mit Gott weitergegangen war.
„Wie es weiterging? Das weiß niemand. Aber es gibt Leute, die sind der Meinung, dass Gott sich gar nicht mehr für uns interessiert und schon längst an viel raffinierteren Schneekugeln arbeitet. Fakt ist jedenfalls, dass das Geschehen auf der Erde rein gar nichts mit Gott zu tun hat. Wenn er uns überhaupt noch beachtet dann sieht er die Erde einfach nur als einen richtig guten Film an, bei dem man nie weiß wie es weitergeht. Und es ist alles dabei! Kriegsfilme, Komödien, Dramen, Thriller, Liebesfilme und natürlich Pornos! Wobei er an letzteren nicht wirklich etwas hat, zumal seine Anatomie sich von der euren gänzlich unterscheidet und so etwas wie Zweigeschlechtlichkeit ja überhaupt nie erfahren hat. Auch deshalb ist er eines der bedauernswertesten Wesen. Gut möglich, dass er einen ziemlichen Stunk auf euch hat, da ihr diese riesige Welt, die ihr im Gegensatz zu ihm habt, auch noch selber zerstört!“

Herman atmete tief durch. Dies war doch einiges an Information. „So ist das?“, fragte er.
„So ist das.“, antwortete der Mund.
Herman war ein logisch denkender Mensch. Nicht dass er an die Logik der Welt gebunden war, er hatte schon immer das Gefühl gehabt, die Menschheit wisse nicht annähernd alles was es zu wissen gäbe und irre sich womöglich sogar in vielem. Dass vielleicht alles woran er glaubte ein einziger Witz war und deshalb viel es ihm auch nicht schwer seinen Glauben zu ändern. Und als logisch denkender Mensch, drängte sich ihm eine logische Schlussfolgerung förmlich auf:
„Wenn ihr die Naturgesetze festlegt“, dachte er laut, „dann müsstet ihr mich auch nach Hause bringen können!“

Philipp Klein

Kapitel 1 – Ein haariges Erlebnis

„Oh jemine“, war wohl alles was er im ersten Moment dachte. Erst mal versuchen sich umzudrehen. Was steht auf dem schicksalsschweren Lastwagen? FRANZ-JOSEPH-LAND!?! Das ist am Nordpol. Och nö! Das dauert doch hundert Jahre wieder heim zu kommen. Es sollte in Wahrheit etwa die Hälfte der Zeit beanspruchen, doch ist einem das, wie ich glaube, herzlich gleichgültig, wenn man noch am Anfang dieser Zeit steht. Das Beste und einzige was man in dieser Situation machen kann, und über haupt immer das beste, wenn auch nicht das einzige, was man generell machen kann, ist schlafen. Und das tat Herman. Spontan! Auf diese Weise musste er nicht mit ansehen, wie unglaublich weit er von Zuhause fortgeschleppt wurde.
Sie kennen doch diese extrem idyllische Melodie von „Schwanensee“, die immer kommt, wenn jemand morgens aufwacht. Diese Melodie wäre völlig fehl am Platze gewesen. Besser um die Situation zu untermalen, wäre wohl, wenn sie selbst sich eine Melodie ausdenken würden, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie kein Taktgefühl haben. Nur wenige Menschen besitzen Taktgefühl und die meisten sind taktlos. Besonders die Franz-Joseph-Länder.
Herman wachte auf. Nicht langsam und ein Auge nach dem anderen, wie man es in jedem Film sieht, in dem jemand aufwacht und das volle Ausmaß der Situation, in der er steckt, erst anfängt zu begreifen. Nein, man erschreckt aus dem Schlaf. Immer! Besonders nervt das, wenn man am nächsten Morgen in der Früh irgend etwas Wichtiges erledigen muss, das man nicht erledigen will, sich aber absolut bewusst ist, dass man dafür ausgeschlafen sein sollte und man endlich einschläft, sich denkt „Geil! Ich schlaf ein!“ und ergriffen von dieser Erkenntnis saftig erschreckt. Adrenalin Überdosis. Das Hatte Herman Chesterfield in dem Moment, in dem er aufschreckte und das volle Ausmaß der Situation, in der er steckte, erst anfing zu begreifen, was gut war: Jetzt musste er wenigstens nicht noch einen Kaffee suchen gehen.
Das Schicksal schenkte ihm die Gelegenheit zu sehen, dass überall um ihn herum Kartoffelfelder waren, geteilt durch eine Straße, auf der er sich befand, klebend am Kühler eines LKWs. Die Gelegenheit ging, eigentlich nicht gezwungener Maßen, aber gemessen an der Neugier der Menschen, doch so gut wie gezwungener Maßen, vorbei als Barnsley Konderofondon aus dem LKW stieg und sich seinen Kühler betrachtete. Welch unerhörtes Glück Herman doch hatte, ausgerechnet an Barnsley Konderofondons Kühler zu kleben, denn Barnsley Konderofondon war alles egal. Was im Gegensatz zum Taktlossein keine allgemein verbreitete Eigenschaft der Franz-Joseph-Länder ist.
„Gu‘n Mor‘n! Sie haben da voll den großen Pickel auf der Backe, is‘ ihnen das nich‘ peinlich?“
„Das kann ihnen ja wohl egal sein“, antwortete Herman, der eigentlich nicht gleich zu Anfang so forsch hatte sein wollen, aber wie taktlos war es bitte ihn auf seinen bekackten, riesigen Pickel aufmerksam zu machen. Sag’s doch jedem. Mach die Leute mit Megafon drauf aufmerksam!
Es war wirklich unnötig sich deswegen so aufzuregen. Da war ja keiner sonst.
„Stimmt“, gab Konderofondon zurück, „is‘ echt ladde.“
„Is‘ was?“
„Ladde!“
„Ladde?“
„Ja. Mir is alles ladde.“
„Soll heißen?“
„Is doch schiedegol wer gewinnt!“
Das war zu viel. Wie reden die denn hier? Was sollte das denn heißen?
„Gewinnt…“, sagte Herman in einem so dümmlichen Tonfall, wie ihn nur jemand haben kann, der gar nichts rafft. Sein Würdegrad betrug im Moment, wenn man das Kleben am Kühler eines Lastwagens mit einberechnet, weniger als -2°.
„Wer?“
„Is‘ schiedegol!!“, antwortete Konderofondon, als wäre es die beste Nachricht seit Tagen. War es in gewisser Weise auch, aber sie werden in diesem Kapitel nicht mehr erfahren warum.
Ich sollte wohl an dieser Stelle mit ein paar Informationen über Barnsley Konderofondon rausrücken. Er war blond. Deshalb war ihm alles egal. Er konnte sich ja im Winter einfach Kleider anziehen. Ein enormer Vorteil! Es gab nicht viele blonde Menschen in Franz-Joseph-Land und weil sie gegenüber den anderen, mit dunkleren Haaren, den enormen Vorteil besaßen sich ja im Winter einfach Kleider anziehen zu können, wurden sie von den Dunkelhaarigen aus Eifersucht rumgeschubst und ausgenutzt. Was den blonden zum Glück ladde war – sie konnten sich ja im Winter einfach Kleider anziehen.
Warum hast du Fell? war alles was Herman eigentlich fragen wollte, aber er war ja nicht taktlos. Vielleicht ist der arme Kerl deswegen Zeit seines Lebens gehänselt worden, aber nein! Das wäre ihm ja ladde.
„Warum hast du kein Fell?“, fragte Konderofondon plötzlich, „das juckt doch wien Sau, wenn das wieder nachwächst!“
Herman war baff. „Warum ich kein Fell habe?“
„Richtig. Wirst du so nich‘ immer gehänselt?“
„Ich… Was!? Ich… Menschen haben nun mal kein Fell!“, Herman war fassungslos.
„Weißt du, wenn’s mir jetz‘ nich‘ so ladde wäre, wär‘ ich echt gekränkt“, sagte Barnsley, der dabei aussah, als wäre es ihm aber echt ladde, „Bin ich vielleicht kein Mensch?“ „Ja, aber du hast ‚n Geburtsfehler oder so.“ Anders konnte Herman sich das nicht erklären.
„Ich und mein ganzes Land, mein Lieber.“
„Du meinst ihr seid ALLE so?“
„Klar! Wo kommst ‚n du her?“
„Aus… Ey! Du warst doch auch da, du hast den LKW gefahren! Du musst doch wissen, dass man sonst nirgends FELL hat. Warum hast du eigentlich nie Rast gemacht?“, wollte Herman noch wissen.
„Kann ich in einem Schwung erklären: Ich kuck nich‘ hin. Hab Angst mit einem zusammenzustoßen. Stell dir das nur ma‘ vor, du siehst nur noch kurz, dass du jetzt stirbst. Da hab ich gar kein Bock drauf! Deshalb kuck ich nich‘ hin.“
Was soll man dazu sagen…
Herman entledigte sich des Lastwagens an seinem Rücken und ging los. Einfach übers Feld. Spontan! Barnsley Konderofondon rannte ihm ohne großen Eifer hinterher. „Wo willst ‚n hin?“
„Nach links“, gab Herman zurück, der bis dahin nach rechts gegangen war und änderte seine Laufrichtung um 180°. „Hab ich was falsches Gesagt?“, fragte Konderofondon vorsichtig.
„Nein Mann! Hat nichts mit dir zu tun, echt. Ich hab nur bis jetzt jede Entscheidung auf diese Weise getroffen: Spontan!“
Barnsley Konderofondon wäre wahrscheinlich erleichtert gewesen das zu hören, wäre es ihm nicht ohnehin schon ladde gewesen, aber „Dann is‘ ja ladde. Ich muss dann auch ma‘ wieder weiter.“

Warum Herman ausgerechnet nach links und nicht nach rechts ging mag im ersten Moment unklar sein – auf beiden Seiten waren Kartoffeln so weit das Auge reichte. Aber wenn man Herman länger kennt, legt sich der Verdacht nah, dass es an Computerspielen lag. Denn dort gibt es oft einen rechten und einen linken Weg, und Herman nahm immer letzteren. Wobei dies ja wiederum abhängig war, von der Reihenfolge in der man die beiden Richtungen nannte. Rechts, oder links? Links! Links, oder rechts? Rechts! Und deshalb liegt auch der Verdacht nah, dass Herman, bevor er „Nach links“ geantwortet hatte , irgend etwas mit „Rechts“ gedacht haben muss. Und dem war auch so, er hatte grade gedacht:
„Rechts innloses Gespräch.“ Oder so etwas in der Art.
Herman hörte wie hinter ihm die Wagentür zugeschlagen und der Motor des LKWs angelassen wurde, der ihn hier hergebracht hatte. Jetzt hatte er noch die Chance mitzufahren, aber die konnte ihm gestohlen bleiben. Er wollte einfach nicht mehr auf einer blöden, grauen Straße blöde, graue Abgase ins Gesicht geblasen bekommen. Zwischendurch waren sie sogar kurz auf einer roten Straße gewesen, die Abgase waren jedoch ebenso blöd und grau wie überall sonst, daher hatte ihn das bei weitem nicht so lange bei Laune gehalten, wie er das gerne gehabt hätte, also hatte er weitergeschlafen. Jetzt war er zu ausgeschlafen um das Spielchen weiterzutreiben. Und er war wirklich eklig geschwitzt. Jeder, der schon mal mit dem Auto in Urlaub gefahren ist und auf dem Rücksitz ein Nickerchen gehalten hat, weiß welche Art von Geschwitztsein ich meine. und wird auch verstehen, warum Herman danach einfach keine Lust mehr hatte per Auto weiterzureisen. Und jetzt hatte er auch keine Chance mehr es zu tun. Der LKW war weg. Ohne den Laster sah Herman erst, wie groß dieses Land um ihn her war. Nämlich so groß, dass man gar nicht abschätzen konnte, ob es groß oder klein war. Der Horizont konnte sowohl hundert, als auch tausend Kilometer entfernt sein, aber… Moment. Der da Horizont war definitiv weiter weg, als der da, wobei ersterer „Der da“ der wäre, den Herman im Rücken hatte und letzterer „Der da“ der wäre auf den er zustapfte. Warum der Horizont auf den Herman zustapfte näher war, will ich allerdings auch noch nicht in diesem Kapitel verraten, deshalb wäre es vielleicht jetzt angebracht, den, vorhin schon kurz erwähnten Würdegrad, zu erläutern. Der Würdegrad ist, wie eigentlich alles auf dieser Welt, eine willkürliche Festlegung. Die Idee dahinter war ursprünglich, dass die Würde des Menschen zwar unantastbar, jedoch nicht unmessbar wäre. Also skalierte man sie von
-10° bis 10°, wobei es einem nicht gelingen wird Würdegrad 10 zu erreichen, da man schlicht und ergreifend nicht so würdevoll sein kann wie ein Elch. Nichts ist so würdevoll wie ein Elch!
Das Äquivalent zum Elch auf der negativen Skala ist der Walwurm. Nichts ist so niederträchtig wie ein Walwurm. Diese Viecher betreiben ausschließlich Inzest, auf eine so widerwärtige Weise, dass es für diese Geschichte zu anstößig wäre, es weiter auszuführen. Ich schäme mich dafür auf dem gleichen Planeten zu leben, wie diese Drecksviecher. Und das sollten sie auch tun. Vielleicht wäre es noch ganz nützlich, wenn auch nicht interessant, etwas zu Würdegrad 0 zu sagen: Er ist uninteressant. -7° sind wenigstens so niederträchtig, dass es wieder interessant ist und würdevolle Leute hätten keine Würde (sprich 0°) wenn sie uninteressant wären. So wurde also der Würdegrad auch auf alles nichtmenschliche ausgebreitet und mehr will ich darüber jetzt nicht erzählen, weil ich dabei immer gleich an Walwürmer denken muss. Wuäh!
Daher zurück zur Geschichte. Herman war mittlerweile schon länger unterwegs. Und mittlerweile hatte er schon viele… Kartoffelfelder gesehen.
Ihm kam wieder in den Sinn, dass das Land in dem er sich befand am Nordpol lag. Warum schwitzte er dann wie ein Stier? Gibt es am Nordpol etwas wie Sommer? Nach allem was Herman aus den Dokumentarfilmen im Fernsehen wusste, war, dass vielleicht ein wenig Eis schmilzt, aber Hitze!? Das war doch relativ absurd, eigentlich sollt…
„Argh!“ Plötzlich gab es keinen Boden mehr und Herman schlug sich den Kopf an Beton an.
Ein Loch, mitten in der Erde.

Herman schlenderte gemächlich in die Blockhütte. Sie war etwa fünf auf fünf Meter groß, in allen vier Wänden gab es Fenster durch die gleißendes Sonnenlicht hineindrang. gegenüber des Eingangs befand sich eine Theke. Alles sah an sich so aus wie man sich so eine Hütte in Afrika vorstellt in der entgegen jeglicher Erwartung Coca-Cola, Stiefel und Seife verkauft werden; mitten im Nirgendwo. Auf der Theke stand ein Schild „Rezeption“ und eine kleine Klingel daneben. Dahinter stand ein Mann. Das kann ich gerade noch schätzen, denn jeder wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass es ohnehin keinen Sinn macht eine Person anderer ethnischer Herkunft, genauer zu beschreiben, weil sie eben für uns einfach alle gleich aussehen. Und wir für sie. Und dieser Mann, jedenfalls hoffe ich, dass es ein Mann war, sonst würde ich diese Frau ziemlich beleidigen, hatte dazu noch Fell. An sich nichts neues, aber dieser Mann (sag ich mal) hatte im Gegensatz zu Barnsley Konderofondon, schwarzes Fell. Tief schwarzes Fell und sein Gesichtsausdruck war wesentlich unlässiger, sprich angespannter, als der Konderofondons. Der Mann schaute Herman mit einem Blick an, den man unmöglich einordnen kann, aber definitiv nicht erfreut.
„Ähm… Hallo!“, zaghaftete Herman.
Nichts. Der Mann starrte weiter.
„Ich ähm… mein Name ist Herman Chesterfield, ich… ähm… Hallo?“
Nichts. Der Mann schien eigentlich weniger auf, als durch Herman hindurch zu starren.
„Hören sie mir eigentlich zu?“, fragte Herman, nun mit einem entschlossenen Tonfall, der geradezu nach einer Antwort verlangte. Nichts.
Hermans Blick fiel auf die kleine Klingel, auf der ein Schildchen klebte, auf dem wiederum „Bedienung“ stand. Er zaghaftete seine Hand voran. Ding!
„Ja?“
Herman erschrak, weniger vor der enormen Geschwindigkeit in der der Mann (oder was auch immer) auf die Klingel reagierte , als allein wegen der schieren Tastsache, dass er scheinbar ausschließlich auf die Klingel reagierte.
„Na was?“
„Oh äh, ich…“
„Können sie sprechen?“
„Ich… ja kann ich. Was ist das denn hier?“
„Oh mein Gott“, schnauzte der Rezeptionist, „Jetzt sagen sie nicht sie bemühen mich hier ohne überhaupt zu wissen was sie wollen, neinein! ohne überhaupt zu wissen was das hier ist und was man hier wollen könnte, sie beschissener kleiner Stresser!“
Was!? hätte Herman wohl zutiefst empört ausgerufen, wäre er nicht so sprachlos gewesen.
„Das gibts doch nicht, was glauben sie wer sie sind, hier meine wertvolle Zeit in Anspruch zu nehmen? Langsam strapazieren sie’s über!“
„Em“
„Em em, ich hab genug Doofe gesehen in meinem Leben, glauben sie mir. Da kann ich auf sie verzichten“, unverschämtete der Rezeptionist.
„Ich… na hörn sie mal!“
„NA HÖRN SIE MAL!? Na hörn sie mal! Mein tag war scheiße genug, ich schwitz‘ mir hier den Arsch ab bei dieser Affenhitze, während die Blonden schön alle Wärme reflektieren. Mein Leben ist nicht so sorglos wie denen ihrs, ich hab nicht so ’nen Vorteil, wie mir Kleider anzuziehen im Winter!“
„Wie bitte?“
Der Mann seufzte „Na gut, sie scheinen ja echt nichts zu raffen. Ich bin schwarzhaarig. Sehen sie das wenigstens? Ich habe schwarzes Fell, damit sie’s auch mal verstehen. Schwarz absorbiert Licht und damit Wärme, frage mich warum die das nicht längst geändert haben, jedenfalls gibt es hier viel Licht im Sommer und deshalb hab ich heiß. Was heißt heiß, ich glühe! Ich schwitze wie ein Tier, riechen sie’s nicht? Ich rieche doch bestimmt ganz furchtbar.“
Jetzt wo er es sagte. Er schmeichelte wirklich nicht sonderlich der Nase. Herman wollte das aber nicht so direkt sagen, er war ja nicht taktlos.
„Nunja ich..“
„Wollen sie etwa sagen ich würde stinken, sie verdammter Bastard? Sie können mich mal! Wer sind sie überhaupt?“
An dieser Stelle möchte ich kurz erklären warum der Mann so dermaßen griesgrämig war. Das darf man ihm wirklich nicht persönlich nehmen, alle Dunkelhaarigen in Franz-Joseph-Land waren so. Sie fühlten sich allgemein benachteiligt, weil sie aufgrund ihrer Eumelanin-Werte im Winter schön warm, im Sommer aber viel zu heißt hatten, während die Blonden im Sommer angenehm warm, und im Winter den Vorteil hatten sich einfach Kleider anzuziehen. Sie fühlten sich um eine Jahreszeit beschissen. Verdammt das waren sie auch! So oder so, sie zogen die Arschkarte, denn sie hatten zwar die Möglichkeit sich im Sommer ganzkörper zu rasieren, aber das beanspruchte erstens sehr viel Zeit und juckte zweitens beim Nachwachsen wie eine Drecksau.
Okay, wir waren stehen geblieben bei
„Wer sind sie überhaupt?“
„Herman Chesterfield, das sagte ich doch schon.“
„Ach wirklich? Na dann ist der Name kacke! Sonst hätt‘ ich ihn mir gemerkt.“
Herman sah mittlerweile über die, anscheinend zur Anstandsform dieses Mannes gehörenden, Beleidigungen hinweg.
„Ähm, ja. Ganz ihrer Meinung. Wo sind wir hier denn jetzt? Wirklich!“
„Na können sie nicht lesen? Steht doch groß und breit über der Tür durch die sie gerade gekommen sind.“
„Ich hab da nichts ge… Moment mal welche Tür? So weit ich mich erinnere bin ich in irgend ein Loch gefallen“, Herman war beim Erlangen dieser Erkenntnis ziemlich verdutzt.
„Ach einer von denen. Hätten sie auch gleich sagen können, anstatt meine Zeit zu verschwenden sie elender Landstreicher! Dann hätt‘ ich sie gleich überweisen können.“
„Überweisen wohin?“, wollte Herman wissen.
„An die Information!?“, sagfragte der Rezeptionist so als ob das ja wohl klar gewesen wäre.

Aber Information klang doch ganz gut. Vielleicht würde Herman ja dort ein wenig über diesen seltsamen, zwiegespaltenen, haarig-felligen, ungleich-horizontigen Ort erfahren, an dem offenbar unter der Erde die Sonne schien.

Philipp Klein

Ein sehr impulsiver Lebensstil

Es gibt wirklich seltsame Dinge in der Welt. Dinge, die es gibt, die aber keiner wirklich braucht, wie z.B. ein Handy das MMS versenden kann. Und noch viel seltsamer ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die ihr hart erackertes Geld dafür raushauen, derartige Dinge ihr Eigen nennen zu können. Aber das seltsamste überhaupt sind Leute selbst. Man kann sie einfach nicht durchschauen, sie überraschen einen immer wieder. Mal ehrlich, war jemals jemand so, wie man das auf den ersten Blick dachte?
Carren Hamsworth war eine bodenständige Frau, sie wusste was sie wollte und sie bekam es auch und selbstverständlich stimmt nichts von alledem, denn ich sehe sie zum ersten Mal und sie wirkt eben nur so auf mich. Würde ich sie länger kennen, was ich nicht tue und hätte ich ihr nun schon zweiundsiebzig Jahre andauerndes Leben aufmerksam verfolgt, was ich nicht habe, dann könnte ich ihnen mitteilen, dass sie eine gebrochene Frau war. Eine arme, einsame, alte Dame, deren Stolz einfach zu groß war um die arme, einsame, alte Oma raushängen zu lassen. Aber da ich Carren Hamsworth, wie gesagt, zum ersten Mal sehe werden sie wohl ohne diese Informationen auskommen müssen, die, wie sie mir glauben können, auch absolut irrelevant für den weiteren Verlauf der Geschichte sind, anders als die folgenden Informationen über sie.
Man kann nicht behaupten, dass sie bekam was sie wollte, mal abgesehen von dem wunderbaren Wandteppich, den sie sich gestern bei Harrods bestellt hatte – ein authentisches Sammlerstück, das morgen angeliefert werden würde. Und ich denke auch, es wäre nicht gelogen zu behaupten, dass sie nur einmal im Leben – vor mittlerweile fast fünfzig Jahren – wirklich gewusst hat was sie wollte. Und sie bekam es nicht. Wenigstens nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte, denn was sie wollte, das war Herman Chesterfield.
Ein sehr impulsiver Mensch. Ich wage zu bezweifeln, dass Herman in seinem Leben jemals etwas geplant hat. Das Abenteuer schien die Angewohnheit zu haben, einfach so über ihn zu schwappen, daher hatte er sich auch in seiner Jugend über seine Freitagabende nie sonderlich den Kopf zerbrechen müssen. Es konnte passieren, dass er abends in die Kneipe an der Ecke ging und am nächsten Morgen aus einer Limousine des Staatssekretärs von Burkina-Faso, vor der Tür der italienischen Botschaft in Palau rausgeworfen wurde, mit den Worten „Du bist der Party-Man!!! Aber ich muss jetzt wirklich zur Arbeit!“ „So is‘ das! Du hast RECHT, Mann! Ich geh mir dann mal ’ne Chestner suchen…“ Er was sehr impulsiv.
Und da er so wenig gewöhnt war etwas im Voraus zu planen, ist es nicht verwunderlich, dass er auch auf seiner Hochzeit nicht auftauchte. Es muss die Schuld seiner Freundin gewesen sein, sie hatte gewusst wie vergesslich und spontan er war, sie hatte auch gewusst, dass sie diesen herrlich irrsinnigen Menschen wollte und dass sie ihn heiraten würde, am 13. Dezember, einem sehr beliebten Hochzeitstermin, da es der kürzeste Tag im Jahr und somit die längstmögliche Hochzeitsnacht ist. Sie hätten lieber spontan in Las Vegas heiraten sollen. Das wäre ein vielversprechender Start in eine sehr chaotische, aber glückliche Ehe gewesen. Aber so… Herman war gerade auf dem Weg zur Hochzeit gewesen, begleitet von seinem alten Schulfreund und Trauzeuge Stanley Fox, als er am Straßenrand eine wunderschöne Blume sah. Sie sah aus wie ein Liliengewächs, war sanft blau und trug zwei herzförmige Blätter. „Wie entzückend“, dachte Herman, der von einem impulsiven Bremstrittdrang gepackt wurde um seiner Zukünftigen dieses ausgesprochen entzückende Exemplar, dieser ausgesprochen entzückenden Blumenart mitzubringen. HUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUP! Der Lastwagen hatte ihn und die Fahrertür haarscharf verfehlt. „Du bist doch total im Sack, Mann!“, schrie Stan, „Bist du lebensmüde!?!“ Herman würdigte ihn nur eines abschätzigen Lächelns. Während er die Blume ausrupfen ging belehrte er Stanley: „Mir passiert schon nichts! Ich hab‘ spontan beschlossen heute nicht zu sterben. Ich habe noch eine wichtige Sa…“
WUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUM! Der LKW war aus Franz-Joseph-Land und genau dorthin riss er auch Herman Chesterfield mit. Voller Pflichtbewusstsein des Trauzeugen, den Bräutigam unversehrt vorm Altar abzuliefern, stieg Stanley aus dem Wagen (Herman hatte die Schlüssel mitgenommen, einfach so, spontan!) und begann seinen Jogging-Run, der etwa fünfundzwanzig Jahre dauern sollte und damit endete, dass er sich in einer Raststätte ein Tomate-Mozarella-Sandwich von einem Angestellten bestellte, der Herman Chesterfield hieß und auch war.
„Guten Tag, ich hätte gerne… HERMAN CHESTERFIELD!?“
„Tut mir Leid, aber ich bin unverkäuflich, aber ich könnte dir vielleicht unser übergroßes Plüschmaskottchen organisieren“, antwortete der Angestellte „das macht sowieso nur den Kindern Angst.“ Stanley war völlig perplex. „Herman ich hab dich gefunden. Und ich hätte gern ein Tomate-Mozarella-Sandwich.“ „Das kriegst du! Hast ja lang gebraucht! Ich hab hier auf dich gewartet, sonst hätten wir uns am Ende noch verpasst.“ Herman reichte ihm ein Sandwich „Ich hab ma‘ spontan noch ‚n paar Eierscheiben mit draufgelegt, dachte das könnte vielleicht passen.“
Die beiden machten sich auf den unglaublich mühevollen Rückweg, der so mühevoll und lang war, dass es zu mühevoll wäre ihn jetzt zu schildern, und es würde auch zu lange dauern. Was ich allerdings erwähnen sollte, ist, dass die beiden sich ihre Heimreise natürlich irgendwie finanzieren mussten, also nahmen sie sich einen Job. Raffinierte Idee, die die beiden da hatten. Um mobiler zu sein, wurden sie Paketboten und fuhren von Postzentrale zu Postzentrale, wobei sie jedes Mal ihren Wagen stehen ließen und sich einen neuen für in die nächste Stadt holten, um nicht zu viel Chaos anzurichten, was natürlich völlig nach hinten losging, da jetzt etwa dreihundert Wagen in dreihundert falschen Städten geparkt waren. Sie nahmen die Pakete mit, die an Adressen, die auf ihrem Weg lagen adressiert waren.
An einem Tag – gut fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Wiedersehen in der Raststätte – hatten Herman und Stanley noch ein Paket abzuliefern. Ein mittelgroßes, etwas schwereres Paket von Harrods, in dem, wie sie nicht wussten, ein wunderbarer Wandteppich verpackt war.
Das Päckchen war adressiert an „C. M. Hamswth. Lanleyroad 4b“. „Das müsste es sein,“, krächzte Stan durch seinen zahnlosen Mund seinem alten Schulfreund entgegen, „jetzt liefer‘ das Ding ab, wir sind sowieso schon verdammt spät dran.“ „Heute ist schließlich dein Hochzeitstag!“, fügte er hinzu, wie er das seit neuntausendeinhundertsiebenundvierzig Tagen an jedem einzelnen davon tat, „Du Alter Casanova!“.
Herman hatte sich abgewöhnt darauf zu antworten und so nahm er das Harrodspaket und machte sich langsam, aber sicher auf den Weg zur Haustür von Nummer 4b. Diese explodierte förmlich auf und in der Tür stand eine gebrochene Frau. In Hermans Augen war sie wunderschön. Kein Wunder: Sie hatte schon vor fünfzig Jahren anziehend auf ihn gewirkt, als er sich spontan auf die Idee eingelassen hatte mit ihr alt zu werden. Er lies das Paket fallen, rannte, so schnell es seine alte Hüfte zuließ, zum Wagen, kramte eine empfindlich trockene, aber entzückende Blume aus dem Handschuhfach, ging auf seine Braut zu und steckte ihr die Blume ins Haar.
„Hallo Schätzlein! Ich wurde leider etwas aufgehalten.
Aber wenn ich schon nicht mit dir alt werden konnte, dann will ich wenigstens alt mit dir sein. Auf nach Vegas!“

Philipp Klein