„Hier ist Ihre Überweisung, Sie scheiß Dilletant.“ Herman war sich nicht sicher, ob er es sagen sollte, oder ob es überhaupt angebracht gewesen wäre, aber er sagte es trotzdem: „Danke.“
„Und jetzt?“
Der Rezeptionist sank in ein, an tiefste Verzweiflung grenzendes Seufzen und Kopfschütteln.
Er deutete auf die einzige Tür im Raum: Die, durch die Herman gekommen war. Oder auch nicht…
Herman trat hinaus in den Sonnenschein. Um ihn herum war alles dunkel. Er konnte in unabschätzbarer Ferne ein grünes Licht flackern sehen. Der Raum um ihn herum schien zu krächzen. Das Geräusch kam ihm bekannt vor.
Vor Seinen Augen baute sich eine Struktur aus Licht auf. Zuerst erschien ein kreuz, das gleich darauf von einem Quadrat ummantelt wurde, so dass eine Art Fenster entstand. Im linken oberen Eck rot, rechts davon grün, unten blau und gelb. Auf der rechten Seite der seltsamen Lichterscheinung schien es dann, als würden kleine Fetzen des Gebildes in einem nicht vorhandenen Wind verweht werden. Nun war klar wieso Herman das krächzende Geräusch kannte. Es war das Geräusch eines arbeitenden Computers. Und wenn er das nicht bemerkt hätte, wäre dennoch klar gewesen, ja hätte sich die Erkenntnis, dass es sich bei dem dunklen Raum in dem er sich befand um eine Art Computerprogramm handelte, geradezu aufgedrängt in Anbetracht des großen Windows Symbols, das sich da aus Licht gebildet hatte und nun völlig elanlos vor ihm im Raum wehte. Genau wie der Bildschirmschoner auf seinem Rechner Zuhause. Zuhause! Wie sehr sich Herman danach sehnte und nach der zärtlichen Berührung seiner geliebten Caren. Für sie wäre er bereit gewesen alles zu tun. Er hätte seinen gesamten Lebensstil für sie über den Haufen geworfen. Derartige Gefühle hatte er noch nie zuvor für einen Menschen gehegt. Doch nun…
Nun war er offenbar in einem Computer. Er verstand nicht. Und wie man das so macht, wenn man etwas nicht versteht, kratzte sich Herman am Kopf. Das heißt er hätte sich am Kopf gekratzt, hätte sich nicht in eben dem Moment, da er seinen Arm hob, das Windows Symbol aufgelöst und Platz für einen großen würdevollen Mund gemacht: ich würde sagen etwa 7°.
Da Herman langsam zu verstehen begann, wie all das funktionierte, bewegte er seine Hand in Richtung würdevoller Mund und, wie er in etwa erwartet hatte, folgte seiner Hand ein kleiner, weißer Pfeil, etwa 40cm vor ihm im Raum. Er fächelte lässig mit der Hand, was den selben Effekt wie ein Doppelklick am heimischen Rechner hatte. Nun muss ich noch kurz darauf eingehen warum Herman keinen totalen Nervenzusammenbruch erlitt, in Anbetracht der Erkenntnis scheinbar in einem Computerprogramm zu stecken, was doch ziemlich seltsam ist. Naja, ich muss wirklich nur sehr kurz darauf eingehen: Er war halt spontan! Und zudem war er selber seltsam. Sicher mag es Leute geben, sie so derartige Situationen nicht so einfach wegstecken würden, aber Herman war keiner dieser Leute. Das ist genau das Gleiche, wie die Tatsache, dass es zwar unzählige Leute gibt, die sagen würden, es gehöre sich nicht mit vollem Mund zu sprechen, das Computerprogramm es aber trotzdem tat:
„Herzlich willkommen im Datenhub des Informationsnetzwerks der zentrale für Naturgesetze, sie kleiner Glückspilz! Was ist ihr Begehr?“
Als wäre sie das einzige das je existiert hat, schwirrte die Frage in Hermans Kopf herum.
HERZLICH WILLKOMMEN IM WAS!?! Mittels komplizierter Strukturen in Hermans Gehirn und Rückenmark, wurde die Frage über zahllose, sowohl konvergent als auch divergent verschaltete Neurone mit heftigem Dekrement an seinen Mund geleitet, so dass am Ende gerade noch genug Information dort ankam, um den wesentlichen Kern der ursprünglichen Frage zum Ausdruck zu bringen: „Hä?“
„Ah eine sehr gute Frage!“, lobte der Mund. „Tatsächlich auch die häufigst gestellte Frage überhaupt, gefolgt von
„Und die Frage ist deshalb so gut,“, führte der Mund fort, „weil der Kern dieser Frage und des gesamten Gedankenganges, der ihr voran gegangen ist, für mich sehr leicht zu erfassen ist: Sie raffen gar nichts! Daher sehe ich mich gezwungen Ihnen erstmal alles schonend beizubringen. Ich möchte zu diesem Zwecke nochmals ihre vortrefflich gewählte Frage bemühen. Denn zufällig gibt es da ein recht schonendes Beispiel.
Es gibt ein unübertretbares Gesetz, das besagt, dass ein Schüler, wann immer er eine Äußerung eines Lehrers, sei es akustisch, oder im logischen Zusammenhang, nicht versteht, den Laut
„Ich verstehe nicht“, musste Herman zugeben, was absolut der Wahrheit entsprach.
„Auch eine gute Aussage! Sie sind ja richtig auf Zack junger Mann!“, bemerkte der Mund scheinbar hocherfreut. „Aber diesmal schlicht und ergreifend, weil es der Wahrheit entspricht und glauben sie mir: Wahrheit ist kostbar und man trifft sie nur selten an. Auch die Schuld der Abteilung für Sozialverhalten. Aber am besten erkläre ich es Ihnen jetzt genau, wir wollen doch die Kostbare Wahrheit nicht zu lange in Anspruch nehmen und sollten daher schnell dafür sorgen, dass sie nicht länger für Ihre Aussage bürgen muss.
Nun denn. Das ist jetzt wie Pflasterabreißen: Hier werden die Naturgesetze festgelegt.“
Herman stand erwartungsvoll da, dachte es käme noch etwas. Als er merkte, dass dies nicht der Fall war musste er unweigerlich anfangen zu lachen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst!? Das ist das lächerlichste, was ich je gehört hab!“, stellte Herman fest.
„Wieso? Wer soll sie denn sonst festlegen?“
„Na… niemand! Die Naturgesetze werden nicht festgelegt. Die gelten einfach.“
„Ach!“, gab der Mund von sich „Und woher kommen sie?“
„Nirgendwoher! Die sind… gottgegeben!“
„GOTT!“, keifte der Mund, das senkte seinen Würdegrad um etwa 2°, „Ich kann Ihnen sagen was wir über Gott wissen! Wollen sie es hören?“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, gab Herman zurück.
„Ach ja! Die Menschen und ihre Unsicherheit. Auch wieder die Schuld der Abteilung für Sozialverhalten. Ich frage mich schon lange, ich frage mich schon lange ob die überhaupt je was richtig gemacht haben…“
Hätte es ein passendes Paar Augen zu dem Mund gegeben, wäre deren Blick jetzt gedankenversunken ins Nichts abgedriftet. Wobei „nichts“ alles ist. Alles besteht zum größten Teil aus „nichts“ und der winzige Teil der tatsächlich existiert, stammt aus einem Baukasten, der „nichts“ als Gerüst verwendet. Aber hören sie einfach selbst.
„Wo… war ich stehen geblieben?“, erkundigte sich der Mund, der durch die theatralische Pause seine 7°Würde wiedererlangt hatte.
„Bei Gott“, half ihm Herman nach.
„Ah ha, richtig. Bei Gott.“ Der Mund setzte merklich für eine lange Erklärung an:
„Gott existiert. Soviel ist sicher, er selbst hat uns folgende Informationen hinterlassen.
Gott ist ein Wesen, das einen ungeheuren Gram gegen den Schöpfer hegt. In Gottes Augen ist der Schöpfer ein Stümper, da er nichts hervorgebracht hat, als Gott und ein kleines, quadratisches Zimmer in dem dieser lebt. Und einen grausamen Humor scheint der Schöpfer obendrein zu haben, denn er quält Gott regelrecht durch die Tatsache, dass das Zimmer in dem dieser lebt eine Tür besitzt. Eine Tür die nicht nach draußen führt. Weil es einfach kein Draußen gibt. Es gibt nichts als diese verdammte Schneekugel in der Gott sein tristes, einsames Dasein voller Gram und Langeweile fristet. Er kann sich ja nicht mal einen guten Film ansehen, weil es schlicht und einfach niemanden gibt, der einen Film hätte drehen können. Ja Gott ist das bedauernswerteste Wesen von dem man je gehört hat.
Doch irgendwann ist Gott auf die Idee gekommen es dem Schöpfer zu zeigen. Der Schöpfer hält ihn also in dieser lächerlichen Schneekugel gefangen? Gott würde ihm zeigen was eine Schneekugel ist!
So baute er eine unglaublich komplexe Schneekugel, die kein so lächerliches Zimmer, sondern einen unendlichen Raum beinhaltet, in dem riesige Nebel einander umkreisen, in denen sich Galaxien umkreisen, in denen sich Sonnensysteme um den Mittelpunkt drehten, in denen sich Planeten, so klein, dass sie mit bloßen Auge in der Schneekugel nicht mehr auszumachen waren, um winzige Sonnen drehten. Und auf mindestens einem dieser Planeten wollte Gott eine Zivilisation aus Millionen und Milliarden Individuen schaffen, die sich allesamt genauso einsam fühlten wie wie er. Die Geburtsstunde des Universums.“, schloss der Mund auf pompöse Weise, was seine Würde sogar auf ganze 8° hob. „Zudem hat Gott aufgrund einer Abneigung gegen alles quadratische einen Fable für Kreise – wie man merkt.“, fügte er hinzu und sank wieder auf 7°.
Herman wartete kurz, ob es noch weitergine, doch als er merkte, dass dies nicht der Fall war, fragte er wie es denn mit Gott weitergegangen war.
„Wie es weiterging? Das weiß niemand. Aber es gibt Leute, die sind der Meinung, dass Gott sich gar nicht mehr für uns interessiert und schon längst an viel raffinierteren Schneekugeln arbeitet. Fakt ist jedenfalls, dass das Geschehen auf der Erde rein gar nichts mit Gott zu tun hat. Wenn er uns überhaupt noch beachtet dann sieht er die Erde einfach nur als einen richtig guten Film an, bei dem man nie weiß wie es weitergeht. Und es ist alles dabei! Kriegsfilme, Komödien, Dramen, Thriller, Liebesfilme und natürlich Pornos! Wobei er an letzteren nicht wirklich etwas hat, zumal seine Anatomie sich von der euren gänzlich unterscheidet und so etwas wie Zweigeschlechtlichkeit ja überhaupt nie erfahren hat. Auch deshalb ist er eines der bedauernswertesten Wesen. Gut möglich, dass er einen ziemlichen Stunk auf euch hat, da ihr diese riesige Welt, die ihr im Gegensatz zu ihm habt, auch noch selber zerstört!“
Herman atmete tief durch. Dies war doch einiges an Information. „So ist das?“, fragte er.
„So ist das.“, antwortete der Mund.
Herman war ein logisch denkender Mensch. Nicht dass er an die Logik der Welt gebunden war, er hatte schon immer das Gefühl gehabt, die Menschheit wisse nicht annähernd alles was es zu wissen gäbe und irre sich womöglich sogar in vielem. Dass vielleicht alles woran er glaubte ein einziger Witz war und deshalb viel es ihm auch nicht schwer seinen Glauben zu ändern. Und als logisch denkender Mensch, drängte sich ihm eine logische Schlussfolgerung förmlich auf:
„Wenn ihr die Naturgesetze festlegt“, dachte er laut, „dann müsstet ihr mich auch nach Hause bringen können!“
Philipp Klein


