Es gibt wirklich seltsame Dinge in der Welt. Dinge, die es gibt, die aber keiner wirklich braucht, wie z.B. ein Handy das MMS versenden kann. Und noch viel seltsamer ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die ihr hart erackertes Geld dafür raushauen, derartige Dinge ihr Eigen nennen zu können. Aber das seltsamste überhaupt sind Leute selbst. Man kann sie einfach nicht durchschauen, sie überraschen einen immer wieder. Mal ehrlich, war jemals jemand so, wie man das auf den ersten Blick dachte?
Carren Hamsworth war eine bodenständige Frau, sie wusste was sie wollte und sie bekam es auch und selbstverständlich stimmt nichts von alledem, denn ich sehe sie zum ersten Mal und sie wirkt eben nur so auf mich. Würde ich sie länger kennen, was ich nicht tue und hätte ich ihr nun schon zweiundsiebzig Jahre andauerndes Leben aufmerksam verfolgt, was ich nicht habe, dann könnte ich ihnen mitteilen, dass sie eine gebrochene Frau war. Eine arme, einsame, alte Dame, deren Stolz einfach zu groß war um die arme, einsame, alte Oma raushängen zu lassen. Aber da ich Carren Hamsworth, wie gesagt, zum ersten Mal sehe werden sie wohl ohne diese Informationen auskommen müssen, die, wie sie mir glauben können, auch absolut irrelevant für den weiteren Verlauf der Geschichte sind, anders als die folgenden Informationen über sie.
Man kann nicht behaupten, dass sie bekam was sie wollte, mal abgesehen von dem wunderbaren Wandteppich, den sie sich gestern bei Harrods bestellt hatte – ein authentisches Sammlerstück, das morgen angeliefert werden würde. Und ich denke auch, es wäre nicht gelogen zu behaupten, dass sie nur einmal im Leben – vor mittlerweile fast fünfzig Jahren – wirklich gewusst hat was sie wollte. Und sie bekam es nicht. Wenigstens nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte, denn was sie wollte, das war Herman Chesterfield.
Ein sehr impulsiver Mensch. Ich wage zu bezweifeln, dass Herman in seinem Leben jemals etwas geplant hat. Das Abenteuer schien die Angewohnheit zu haben, einfach so über ihn zu schwappen, daher hatte er sich auch in seiner Jugend über seine Freitagabende nie sonderlich den Kopf zerbrechen müssen. Es konnte passieren, dass er abends in die Kneipe an der Ecke ging und am nächsten Morgen aus einer Limousine des Staatssekretärs von Burkina-Faso, vor der Tür der italienischen Botschaft in Palau rausgeworfen wurde, mit den Worten „Du bist der Party-Man!!! Aber ich muss jetzt wirklich zur Arbeit!“ „So is‘ das! Du hast RECHT, Mann! Ich geh mir dann mal ’ne Chestner suchen…“ Er was sehr impulsiv.
Und da er so wenig gewöhnt war etwas im Voraus zu planen, ist es nicht verwunderlich, dass er auch auf seiner Hochzeit nicht auftauchte. Es muss die Schuld seiner Freundin gewesen sein, sie hatte gewusst wie vergesslich und spontan er war, sie hatte auch gewusst, dass sie diesen herrlich irrsinnigen Menschen wollte und dass sie ihn heiraten würde, am 13. Dezember, einem sehr beliebten Hochzeitstermin, da es der kürzeste Tag im Jahr und somit die längstmögliche Hochzeitsnacht ist. Sie hätten lieber spontan in Las Vegas heiraten sollen. Das wäre ein vielversprechender Start in eine sehr chaotische, aber glückliche Ehe gewesen. Aber so… Herman war gerade auf dem Weg zur Hochzeit gewesen, begleitet von seinem alten Schulfreund und Trauzeuge Stanley Fox, als er am Straßenrand eine wunderschöne Blume sah. Sie sah aus wie ein Liliengewächs, war sanft blau und trug zwei herzförmige Blätter. „Wie entzückend“, dachte Herman, der von einem impulsiven Bremstrittdrang gepackt wurde um seiner Zukünftigen dieses ausgesprochen entzückende Exemplar, dieser ausgesprochen entzückenden Blumenart mitzubringen. HUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUP! Der Lastwagen hatte ihn und die Fahrertür haarscharf verfehlt. „Du bist doch total im Sack, Mann!“, schrie Stan, „Bist du lebensmüde!?!“ Herman würdigte ihn nur eines abschätzigen Lächelns. Während er die Blume ausrupfen ging belehrte er Stanley: „Mir passiert schon nichts! Ich hab‘ spontan beschlossen heute nicht zu sterben. Ich habe noch eine wichtige Sa…“
WUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUM! Der LKW war aus Franz-Joseph-Land und genau dorthin riss er auch Herman Chesterfield mit. Voller Pflichtbewusstsein des Trauzeugen, den Bräutigam unversehrt vorm Altar abzuliefern, stieg Stanley aus dem Wagen (Herman hatte die Schlüssel mitgenommen, einfach so, spontan!) und begann seinen Jogging-Run, der etwa fünfundzwanzig Jahre dauern sollte und damit endete, dass er sich in einer Raststätte ein Tomate-Mozarella-Sandwich von einem Angestellten bestellte, der Herman Chesterfield hieß und auch war.
„Guten Tag, ich hätte gerne… HERMAN CHESTERFIELD!?“
„Tut mir Leid, aber ich bin unverkäuflich, aber ich könnte dir vielleicht unser übergroßes Plüschmaskottchen organisieren“, antwortete der Angestellte „das macht sowieso nur den Kindern Angst.“ Stanley war völlig perplex. „Herman ich hab dich gefunden. Und ich hätte gern ein Tomate-Mozarella-Sandwich.“ „Das kriegst du! Hast ja lang gebraucht! Ich hab hier auf dich gewartet, sonst hätten wir uns am Ende noch verpasst.“ Herman reichte ihm ein Sandwich „Ich hab ma‘ spontan noch ‚n paar Eierscheiben mit draufgelegt, dachte das könnte vielleicht passen.“
Die beiden machten sich auf den unglaublich mühevollen Rückweg, der so mühevoll und lang war, dass es zu mühevoll wäre ihn jetzt zu schildern, und es würde auch zu lange dauern. Was ich allerdings erwähnen sollte, ist, dass die beiden sich ihre Heimreise natürlich irgendwie finanzieren mussten, also nahmen sie sich einen Job. Raffinierte Idee, die die beiden da hatten. Um mobiler zu sein, wurden sie Paketboten und fuhren von Postzentrale zu Postzentrale, wobei sie jedes Mal ihren Wagen stehen ließen und sich einen neuen für in die nächste Stadt holten, um nicht zu viel Chaos anzurichten, was natürlich völlig nach hinten losging, da jetzt etwa dreihundert Wagen in dreihundert falschen Städten geparkt waren. Sie nahmen die Pakete mit, die an Adressen, die auf ihrem Weg lagen adressiert waren.
An einem Tag – gut fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Wiedersehen in der Raststätte – hatten Herman und Stanley noch ein Paket abzuliefern. Ein mittelgroßes, etwas schwereres Paket von Harrods, in dem, wie sie nicht wussten, ein wunderbarer Wandteppich verpackt war.
Das Päckchen war adressiert an „C. M. Hamswth. Lanleyroad 4b“. „Das müsste es sein,“, krächzte Stan durch seinen zahnlosen Mund seinem alten Schulfreund entgegen, „jetzt liefer‘ das Ding ab, wir sind sowieso schon verdammt spät dran.“ „Heute ist schließlich dein Hochzeitstag!“, fügte er hinzu, wie er das seit neuntausendeinhundertsiebenundvierzig Tagen an jedem einzelnen davon tat, „Du Alter Casanova!“.
Herman hatte sich abgewöhnt darauf zu antworten und so nahm er das Harrodspaket und machte sich langsam, aber sicher auf den Weg zur Haustür von Nummer 4b. Diese explodierte förmlich auf und in der Tür stand eine gebrochene Frau. In Hermans Augen war sie wunderschön. Kein Wunder: Sie hatte schon vor fünfzig Jahren anziehend auf ihn gewirkt, als er sich spontan auf die Idee eingelassen hatte mit ihr alt zu werden. Er lies das Paket fallen, rannte, so schnell es seine alte Hüfte zuließ, zum Wagen, kramte eine empfindlich trockene, aber entzückende Blume aus dem Handschuhfach, ging auf seine Braut zu und steckte ihr die Blume ins Haar.
„Hallo Schätzlein! Ich wurde leider etwas aufgehalten.
Aber wenn ich schon nicht mit dir alt werden konnte, dann will ich wenigstens alt mit dir sein. Auf nach Vegas!“
Philipp Klein
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